2500 Kilometer auf Ret Maruts Spuren

Liebe Freundinnen und Freunde B. Travens,

seit unserer großen B.Traven-Rundreise durch D-Land ist wieder einiges Wasser die Spree, die Isar und den Rhein heruntergeflossen. Aber ein paar Wochen ausruhen und den Alltäglichkeiten nachgehen, waren nach dieser Tour de Force angebracht und angesagt. Dennoch sind wir in dieser Zeit nicht untätig geblieben unf haben weitere Kontakte geknüpft, die demnächst – wohl meist hinter dem „Sommerloch“ – in weitere BT-Veranstaltungen münden werden. Denn das BT-Jahr ist ja noch längst nicht vorbei und könnte noch für Überraschungen gut sein. Auch sind noch nicht alle Gegenden besucht, in denen Ret Marut herumgeisterte. Bis März 2020 wollen wir mit einiger Intensität weiter am Ball und am Buch bleiben um unseren halbvergessenen Autor wieder ins rechte Licht zu setzen. Die Zeiten in denen wir leben, bedürfen seiner Werke mehr als der Spekulationen über seine Herkunft. Artwork © by Bernd Sieben

EINE Schule für B. Traven – die anscheinend einzige in Europa

Die BTG in Spandau Falkenhagener Feld gab Ende April 2019 unter der liebevollen Regie des ehemaligen Lehrers Bernd Sieben alles, um der Tochter und Rechteinhalberin B.Travens und ihrem Mann einen würdigen Empfang zu bereiten. Es war das erste Mal, dass Angehörige von BT die Schule besuchten, die tatsächlich viel zu ihrem Namensgeber zu bieten hatte – fast zu viel für ein paar Stunden. Das Lehrer*innen-Kollegium, Schüler*innen und Lokalpolitiker hatten trotz gerade begonnenem Schulanfang nach den Ferien ein tolles Traven-Fest zusammengestellt, auf dem es neben ergreifenden Reden auch viel „Traven-Kunst“ zu sehen gab, die sich bis ins liebevoll vorbereitete Buffet erstreckte, dessen Genuss zu Plaudereien einlud. Und natürlich gab es Geschenke für das Traven-Archiv in Mexico. Nach dem fulminanten Auftakt des Besuchs am 29. April 2019 in der B.Traven-Gemeinschaftsschule Spandau, der unbedingt bleibende Erinnerungen bei allen Beteiligten hinterlassen wird, sind Malú Montes de Oca Luján de Heyman, Timothy Heyman und Ralf G. Landmesser (IBTG) zu einer 2500 Kilometer langen Deutschlandreise auf den Spuren B.Travens aufgebrochen. Foto © Ralf G. Landmesser

Dahoam

Malú Montes de Oca Luján de Heyman, Travens Tochter, und ihr Mann Timothy Heyman sind am 18. Mai 2019 wieder nach Mexico geflogen, wo auf sie im B.Traven-Jahr und darüber hinaus auch große Aufgaben warten, denn BT ist ja nach wie vor in vielen Ländern der Welt präsent – oft präsenter als hierzulande. Da gibt es viel Verlagskram zu regeln und Vereinbarungen zu treffen. Die Abschlussveranstaltung in der „ver.di Mediengalerie“ unter Teilnahme der Büchrgilde Gutenberg am historischen Ort ihres ersten Buchladens im architektonisch eindrucksvollen „Haus der Buchdrucker“, war trotz kleiner technischer Pannen eine schöne Finissage nach Begegnungen mit vielen netten Menschen, Freund*inn*en B. Travens und einer Vielzahl sicher bleibender Eindrücke an Orten des Wirkens von Ret Marut, der ja auch zu seiner Schauspielerzeit schon Schriftsteller war.
Geheimnisvoll und unbedingt lesenswert
Foto © Ralf G. Landmesser  

MingA

Am 2. Mai 2019 haben wir unter Beteiligung etlicher BT-Freund*inn*en am Wohnhaus Clemensstr. 84 in München-Schwabing eine Gedenktafel für Ret Marut / B. Traven enthüllt, „Hecho en Mexico“ Dort hatte Marut von 1915 bis zu seiner Verhaftung und Flucht 1919 gewohnt und gearbeitet – dort entstand Der ZIEGELBRENNER. Hier war auch der Ort, Erich Knaufs, des Lektors von BT bei der Büchergilde, zu gedenken, der auf den Tag genau vor 75 Jahren, 1944 wegen „Defaitismus“ denunziert, von den Nazis hingerichtet wurde. Nach einem Spaziergang durch die nahgelegene Herzogstraße, wo Ret Maruts Lebensgefährtin aus Köln-Düsseldorf, Irene Mermet, gewohnt hatte (das Wohnhaus dort ist zerstört) und kurz auch er selbst, erlebten wir am Abend in der SEIDL-VILLA, einem selbstverwalteten Kulturhaus. einst gerettet von einer BI, eine eindrucksvolle Veranstaltung mit dem Spezialisten für die Münchener Arbeiterbewegung, Günther Gerstenberg. Gerstenberg hielt einen Vortrag über die rechtsbürgerliche und sozialdemokratische Hetz- und Lügenpresse der Revolutionszeit, der vielen Gästen erschloss, wie vor 100 Jahren die Kriegs-Greuelpresse sich am vermeintlichen inneren Feind mit Fremdenhass, Antisemitismus und Lynchaufrufen abarbeitete. Die Veranstaltung wurde moderiert vom „Anarcho-Doktor“ Peter Seyferth, der kundig und humorig zu den Beiträgen überleitete. Malú Heyman las aus einigen liebevollen Briefen ihres „Stepfather“ an sie, die phantasievolle Geschichtchen enthielten und sogar mit seinen Pseudonymen spielten. Ralf G. Landmesser hatte über die geschichtlichen Rahmenbedinungen und das Leben BT’s frei referiert und las anlassgemäß aus dem Ziegelbrenner Maruts Schilderung seiner Verhaftung am 1. Mai 1919 und seiner glücklichen Flucht. Timothy Heymann erläuterte die mögliche Herkunft BT’s als Halbbruder Walther Rathenaus. Schließlich klang der Abend aus mit einem Song „Masters of War“, dargeboten vom „Blues-Brother“ Andi Walz und Gesprächen an der Hausbar bei freundlich gesponsortem Wein. An dieser Stelle sei allen ganz herzlich gedankt, die mit Spenden und persönlicher Beteiligung, diesen schönen und denkenswerten Abend im Zenzl-Mühsam-Saal mit ermöglicht haben! Seidl-Villa

Rheinland

Von München aus ging es an den Niederrhein, nach Düsseldorf. Dort fanden sich im Theatermuseum-Archiv tatsächlich noch Briefe Ret Maruts – der Rest war von Heidemann und Recknagel geklaut und ist nun über die Welt verstreut. Im Kölner LUDWIG-Museum konnten die eindrucksvollen Arbeiten der „Gruppe progressiver Rheinischer Künstler“ bewundert werden. Maruts Freund F.W. Seiwert und die Mitglieder der Gruppe hatten geholfen, den steckbrieflich Gesuchten unterzubingen und die Weiterherausgabe des Ziegelbrenners bis 1921 zu ermöglichen. Sie halfen auch bei der Flucht über die Niederlande ins weitere Ausland.

Ruhr

In Essen nahmen wir die allererste Spur Ret Maruts auf: dort war er 1907 out of the blue am Stadttheater als Schauspieler engagiert worden. Im Zweiten Weltkrieg wurde der imposante Bau zerstört und präsentierte sich uns im strömenden Regen als an Naziarchitektur erinnernder Nachkriegsbau. Viel netter war es dann am Abend in der Buchhandlung „Arthur liest Agatha“, bepreist als eine der schönsten Buchhandlungen Deutschlands. Hier gab es am Ende nur noch Stehplätze und ein druch und durch aufmerksames Publikum. Unsere Mexikaner werden den Abend in freundlicher Erinnerung behalten.

Eifel

Die Eifel und Simonskall, wo sich Ret Marut zeitweise in der Künstlerkommune aufhielt, fiel buchstäblich ins Wasser. Das Rheinland zeigte sich meist von seiner useligen, nassen und kalten Seite. Auch das ein lehrreicher Eindruck für mexikanische Menschen, wie Ret Marut seinerzeit in Deutschland lebte. Der „Wonnemonat“ Mai ließ uns schmählich im Stich in Heinrich Heines Vaterstadt Düsseldorf.

Die Botschaft

Aber auch in Berlin wurde es mit dem Wetter kaum besser, das am 14. Mai als nächste Station mit einem Empfang in der Mexikanischen Botschaft aufwartete. Mexico ließ es sich angelegentlich sein, seinen weltbekannten „Nationalschriftsteller“ zu ehren, den es in den 50er Jahren schließlich naturalisiert hatte. Skipper bekam endlich einen Pass – natürlich wieder unter falschem Namen… Der Botschaftsraum war gut gefüllt, der Botschafter und Professoren hielten Reden, Malú las, Timothy referierte und am Ende gab es excellente Häppchen a la Mexicana. Mexico ist ein trockenes Land, ganz im Gegensatz zum da überfeuchten Deutschland – der Wein war bald alle und die exclusive Menge zerstreute sich. Immerhin war noch Zeit geblieben einige neue Bekanntschaften zu machen und vielleicht Freundschaften zu schließen, jedenfalls aufzufrischen. Viva Mexico! Viva la Revolucion!

Brecht-Haus

Die TRAVEN-TEATIME im Brecht-Haus am 15. Mai war hingegen ein gescheitertes Experiment zu ungewöhnlicher Zeit um 16 Uhr. Nur zwei Hände voll Leute erschienen, die jedoch nach vorzeitigem Ausscheiden der Prominenz (ein wichtiger Abendtermin lag an), doch noch zu einer impulsiven und engagierten Diskussion um B. Traven und seine Revolutionstexte kamen. Die einen verloren Illusionen, die anderen gewannen Erkenntnisse. So bleibt unterm Strich doch ein Gelingen zurück.

In die Ebenen

Nun sind wir schon wieder in den Mühen der Ebenen und in den Steppen der Kulturförderung unter brennender deutschtropischer Sonne angelangt. Da von oben wieder mal nichts zu holen ist als bestenfalls gute Worte (aufrichtigen Dank an Kultursenator Leder!), schippern wir weiter auf dem Totenschiff verfehlter Politiken daher und nähren uns mühsam und redlich. Welchen Kahn werden wir wohl auf der Rede vorfinden, der uns ein Stück weiter bringt? Auch ohne Heuer kann man segeln. Seefahrt tut not, notfalls auch auf dem Trockenen, auf dem wir allzu häufig sitzen bleiben. Nur Mut, die Sterne hängen zwar hoch, ab und zu fällt jedoch auch für uns einer ab und herunter. So wird denn weiter improvisiert, auch ohne Etat. L’etat c’est nous! Aye-Aye Skipper! Mast- und Buchbruch.

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